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75 JAHR JUBILÄUM |
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Aus der Geschichte des Männerchors Mellingen
von Gottfried Schibli in der 75 Jahre Jubiläumsschrift 1983
Schon vor der Jahundertwende muss in Mellingen ein Männerchor bestanden haben. Das geht einmal aus einer Notiz in der Chronik hervor, die besagt, dass, "nachdem 4 Jahre lang kein Männerchor mehr bestanden hat, am 13. Dezember 1903 die Gründung eines neuen Vereins stattfand". Zum andern schildet ein Passus im Bereicht über die Generalversammlung dieses neugegründeten Chors vom 24. Januar 1906 "dass man am Donnerstag, den 24. Mai (vorigen Jahres) mit der alten 50jährigen Fahne per Wagen als Gastverein an ein Gesangsfest in Lupfig gefahren" sei. Der Chronist schildert recht anschaulich die Rückkehr mit der lorbeergeschmückten Fahne, "welche kühn geschwungen die Stadt durchzog mit der frohen Schar, und recht spät trennten sich die Letzten von der Fahne, mit Fahne".
Jedoch, die anfängliche Begeisterung hielt nicht durch. Der neugegründete Männerchor meisterte die inneren Schwierigkeiten nicht und sah sich gezwungen, sich mit dem Gemischten Chor zum Gesangverein "Alpenrösli" zu verschmelzen. Damit war es um ihn geschehen.
Angangs April 1908 wurde ein neuere Anlauf genommen. Nachdem der gleichnamige Verein zweimal sein Bestehen einstellen musste und auch jetzt wieder wenig Hoffnung bestand auf ein gutes Gelingen, nahm man die Geschäfte energische an die Hand, und als man die Gründe für das zweimalige Fiasko untersucht hatte, schritt man am 7. Mai 1908 zur eigentlichen Gründung des heutigen Männerchors Mellingen. Man bestellte einen Vorstand und wählte als Dirigenten den jungen Lehrer Max Seiler, auf den sich alle Hoffnungen stützten. Und diese Hoffnungen wurden, wie sich später zeigte, nicht enttäuscht. Herr Seiler leitete den Verein mit Hingabe bis zu seinem Rücktritt und der Ernennung zum Ehrendirigenten im Jahre 1949. Schon am 9. Mai des gleichen Jahres fand das erste Konzert statt unter Mitwirkung des Orchestervereins Mellingen, der ebenfalls von Herrn Seiler geleitet wurde. Dieses Zusammenwirken sollte in Zukunft beide Vereine fördern. In Tat und Wahrheit blieb es so. Man wagte sich an Singspiele und Operetten heran und hatte Erfolg damit. Im Anschluss an eine Operette „Das Auge des Gesetzes“ im Jahre 1913 schreibt ein Einsender im „Reussbote“: „Man darf Herrn Seiler die Anerkennung nicht versagen, dass die unter seiner Leitung stehenden Vereine achtungsgebietende Leistungen aufweisen.
Später entschloss sich der Männerchor, auch Theaterstücke zur Aufführung zu bringen. 1938 trat er mit dem Stück „Der Ring von Hallwil“ von Jakob Muff vor die Öffentlichkeit. 1947 mit „Der Freiheitsschmied“ vom gleichen Verfasser und 1953 mit dem besonders anspruchsvollen Stück „Steinbruch“ von Albert J. Welti. Diese Darbeitungen festigten den inneren Zusammenhalt des Vereins, und der ideelle Erfolg war in allen drei Fällen entsprechend, obschon man, wie nachträglich festzustellen war, bei der Wahl des zweitgenannten Stückes keine besonders glückliche Hand gehabt hatte. Der finanzielle Erfolg war auch entsprechend.
Die sprichwörtliche Sängerkameradschaft kam im Männerchor nicht zu kurz. Man traf sich nach den Proben bei einem Glase Wein oder einem kühlen Bier, und bald erscholl einmal ein frohes Lied. Man zog zusammen an ein Sängertreffen oder steckte die Ziele gar weiter. So führten Reisen etwa, um nur einige zu nennen, an den Rheinfall, zu den Höllgrotten bei Baar, auf den Feldberg im Schwarzwald, ins Emmental und auf die „Lueg“, nach Braunwald und über den Klausenpass, in die Innerschweiz und über die Grosse Scheidegg. Besondere Ereignisse waren die Reisen zu unseren deutschen Sängerfreunden, dem Gesangsverein Liederkranz Eltville im Rheingau und dem Liederkranz 1888 Belsen-Mössingen.
Höhepunkte im Leben eines Sängers bilden immer wieder die Gesangsfeste, und besonders dann, wenn diese mit einer Beurteilung verbunden sind. Dann wird vorher wochenlang geprobt, gefiebert und gezittert. Der Männerchor Mellingen machte hierhin keine Ausnahme. Am Bezierksgesangsfest 1913 in Baden konkurrierte er in der Kategorie „Leichter Volksgesang“ mit dem Lied „Die Lore am Rhein“ und ersang sich den 3. Rang mit Lorbeer. 1921 nahm er am Bezierksgesangsfest in Wettingen teil und seine Leistungen in der 2. Kategorie wurde mit einem Lorbeerkranz gewürdigt. Dabei war man zum erstenmal mit der neuen von Hans Trudel entworfenen Fahne ausgerückt. Sie fand überall Beifall und „bestand die Feuertaufe flott“. 1923 wagte sich der Männerchor an das Kantonalgesangsfest in Zurzach „obgleich bei einzelnen Mitgliedern eine beängstigende Gleichgültigkeit Trumpf war“. Als Wettlied hatte man „Hab‘ Sonne im Herzen“ von Keldorfer gewählt. „Unser Vortrag“, so meldet ein Bericht, „liess einen guten Erfolg erhoffen, zumal die Zuhörerschaft ihm einen grossartigen Beifall spendierte. Siegesbewusst zogen wir in die Festhütte. Jedoch während der Kranzverteilung wurden unsere Gesichter zusehens länger, es schien, als ob man uns vergessen habe, doch nein, auf einmal ertönte: Mit 14 ¼ Punkten Männerchor Mellingen 1. Eichenkranz.“ Man stelle sich diese Enttäuschung vor! „Die Scharte von Zurzach“ schmerzte noch lange. Erst 1946 verzeichnet die Chronik wieder die Teilnahme an einem Wettbewerb, dem Bezierksgesangsfest in Wettingen, von dem man mit einem Lorbeer 1. Klasse heimkehrte. Er scheint vergessen gewesen zu sein, denn die Kritik sprach „von einem sehr guten Eindruck mit der Schweizerhymne von Hans Huber. Lebendig und geschlossen gestaltet. Der Chor verfügt über eine bemerkenswerte, ausgeglichene dynamische Beweglichkeit“. Aber schon ein Jahr darauf musste der Chor wegen schlechter Stimmbesetzung im 1. Tenor auf die Teilnahme am Kantonalgesangsfest in Brugg verzichten. Von den beiden Kantonalgesangsfesten Rheinfelden und Zofingen kehrten wir mit einem Goldlorbeer heim. Darum war die Enttäuschung gross und kaum zu verschmerzen, als unsere Leistung am Kantonalen in Villmergen nur mit einem Silberlorbeer honoriert wurde. Man liess sich aber in der Folge nicht von der Teilnahme an diesen Grossanlässen abschrecken. Man war sich in der Zwischenzeit in den leitetenden Kreisen des Männeregesangs darüber klar geworden, dass mit den Abstufungen in der Gestaltung der Kränze nur Unfriede und Zwietracht und gar der „Verleider“ in die Vereine getragen wurde. Man ging über zur schriftlichen Beurteilung durch die Experten.
Beim Durchgehen der Protokolle fällt einem der grosse Wechsel im Mitgliederbestand auf. Einmal lag er unter 20, dann stieg er wieder bis gegen 40. Es dauerte fast ein halbes Jahrhundert, bis sich eine dauernde Unruhe gelegt und sich eine gewisse Stabilität herausgebildet hatte. Das zeigt sich auch im Wechsel in der Vereinsleitung. In den 75 Jahren seines Bestehens wechselte das Präsidium 21 mal, davon in den ersten 39 Jahren allein 18 mal. Wenn der Chor immer wieder geschlossen an die Öffentlichkeit trat, geschah es namentlich in den ersten Jahrzehnten immer nur nach Überwindung grosser Schwierigkeiten. Schon zwei Jahre nach der Gründung wurde die Frage des Weiterbestehens wieder akut, die Proben waren eine Zeitlang eingestellt. Immer wieder taucht in den Protokollen die Frage des „miserablen“ Probenbesuches auf, von „Schlamperei“ ist die Rede. „Der Eindruck einer Gesangprobe (1931) niederschmetternd, kein 1. Tenor, nur ein 2. Tenor. Sein oder Nichtsein“? Als 1921 nach der Fahnenweihe die Freude am Gesang und der Probenbesuch nachliessen, mahnte Stadtrat Frey: „Der Männerechor ist der Stolz der Ortschaft, es wäre unverständlich, wenn in einem Verein, der von solchen Erfolgen gekrönt sei, der Schlendrian einreissen sollte“.
Die Gründung eines Konkurenzmännerchors im Jahre 1926 erschütterte gar das Fundament des Vereins, doch überwand er diese Krise, besonderes auch darum, weil die Neugründung keinen Bestand hatte.
Bald himmelhoch jauchzend, bald zu Tode betrübt, könnte man die Stimmung im Verein die Jahre über beschreiben. War einmal die Kasse leer, weil es mit dem Einzug der Beiträge haperte oder eine Veranstaltung wenig oder nichts einbrachte, was auch vorkam, verzichtete der Dirigent von sich aus auf die Hälfte oder mehr seines Salärs von 200 Franken. Betrug jedoch einmal das Vermögen Fr. 497.35, wie im Jahre 1933, wurde die Finanzlage als „sehr günstig“ beurteilt, die Durchführung einer Reise beschlossen und der Mitgliedsbeitrag von 6 auf 4 Franken herabgesetzt. Dabei hatte sich Herr Seiler eben drei Jahre vorher wegen des schlechten Standes der Kasse mit 100 Franken Jahresslär begnügt.
So wäre noch vieles über den Männerchor Mellingen aus den Chroniken herauszulesen, würde jedoch den Rahmen dieses Kurzberichtes sprengen. Eines jedoch darf nicht unerwähnt bleiben: Wenn Präsidenten wechselten, Sänger kamen und gingen, die Dirigenten hielten zum Glück aus, blieben auf ihrem Posten. Wohl hatte Herr Seiler bis zu seinem Rücktritt etwa „den schwachen Probenbesuch bedauert“, oder er „war nicht gewillt, weiter zu kutschieren, wenn die Proben nicht besser besucht würden“, oder „die Proben waren ihm wegen schlechten Probenbesuches verleidet“. Es gelang immer wieder, ihn umzustimmen, dass er trotz allen Widerwärtigkeiten weitermachte. Sein Nachfolger Herr Robert Fischer, traf insofern bessere Verhältnisse an, als nach seinere Übernahme des Dirigentenstabes im Jahre 1949 sich die inneren Verhältnisse im Verein festigten. Es hat nicht jeder Chor das Glück, über 75 Jahre hinweg keine Dirigentensorgen zu haben. Dessen werden wir uns eigentlich erst jetzt bewusst, wo wir nach dem gesundheitlich bedingten Rücktritt von Herrn Fischer vor der bangen Frage stehen, wer in Zukunft den Taktstock über em Männerchor Mellingen schwingen wird. Auf alle Fälle gehört unseren beiden Dirigenten, den Herren Max Seiler und Robert Fischer für ihren Einsatz, ihr Ausharren und die Geduld, die sie mit uns hatten, unser aller von Herzen kommender Dank. Gottfried Schibli
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